Ernstfall am Matterhorn

matterhorn_riffelsee_1552973.jpgEin Selbstversuch von Christoph Zürcher. Publiziert in der NZZ am Sonntag vom 9.9.07.

Es ist das berühmteste Stück Schweiz der Welt. Ausserdem ist es ein Berg, den Bergsteiger zu belächeln pflegen und von dem die anderen reihenweise herunterfallen. Eine Überlebensübung am Matterhorn.

Es ist morgens, was weiss ich, wahrscheinlich kurz nach sechs, Kaffee ist ersatzlos gestrichen, die Gnade von Schlaf wurde mir seit 24 Stunden nicht mehr zuteil. Aber ich bin so hellwach, als hätte mir jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet.

Die Walliser Alpen um diese Tageszeit, das ist ein Hodler-Gemälde. Von hier oben auf fast 4000 Metern hätte man eine erstaunliche Sicht der Dinge. Nur leider fehlt mir im Moment die Musse, um die Erhabenheit der Natur richtig würdigen zu können.

Mein Herz rüttelt an meinen Rippen wie ein wild gewordenes Tier. Meine Hände sind gerade dabei, sich in etwas zu verwandeln, was mehr Ähnlichkeit mit Holz als mit menschlichem Gewebe hat. Ich schätze, es dauert höchstens noch eine Minute, bis sie völlig steif geworden sind. Der Krampf hat bereits alle, ausser den kleinen Fingern, in seine Gewalt gebracht. Und auch meine Beine machen eine beängstigende Entwicklung durch.

600 Meter runter

Vor allem das linke. Was ist denn mit dem los? Das Knie bewegt sich auf und ab wie die Nadel einer Nähmaschine. Tun lässt sich dagegen gar nichts. Und es ist vor allem nicht vorteilhaft, zu lange auf das zitternde Knie hinunterzustarren. Denn so lässt sich die unangenehme Tatsache noch schlechter verdrängen, dass es unter dem zitternden Knie 600 Meter sehr, sehr steil nach unten geht. Bisher hab ich eigentlich immer angenommen, ich sei schwindelfrei. Jetzt nicht mehr.

Schreien tun die, die stürzen, selten. Die Überraschung ist im ersten Moment grösser als der Schreck.

Ich klammere mich an den Felsen. Meine Kraft schwindet. Schnell. Handlungsbedarf ist offensichtlich. Den linken oder den rechten Fuss bewegen? Die rechte oder die linke Hand? Aber wohin?! Rauf? Runter? Aber vor allem: Wie? Oder ist es nicht doch das Beste, alles so zu lassen, wie es ist? Zumindest bis dieses verdammte Bein nicht mehr so zittert? Das Matterhorn ein Spaziergang?! Ha! Dann rutscht mein Fuss ins Leere.

Was hat der Hüttenwart gestern gesagt? 99 Prozent von allen, die vom Matterhorn stürzen, verlieren das Bewusstsein bereits beim ersten Aufprall. Na, wenigstens das.

Nirgendwo mehr Tote

Das Matterhorn ist der Berg, den Bergsteiger belächeln und von dem die anderen reihenweise runterfallen. Seit der Erstbesteigung im Sommer 1865 hat das «Horu» 500 Menschen umgebracht. Mehr Tote wurden bisher noch an keinem Berg der Welt gezählt.

Schon die Erstbesteiger, angeführt von Edward Whymper, einem jungen Graveur aus London, kamen nicht vollzählig wieder lebend runter. Am Anfang waren sie sieben, am Schluss noch drei. Rauf kamen die Engländer überraschend leicht. Oben auf dem Gipfel warfen sie triumphierend Steine auf die Italiener. Die hatten es am gleichen Tag von der anderen Seite her versucht. Sie wurden um ein paar Stunden geschlagen. Doch die Siegerlaune verging Whymper und seinen Leuten rasch.

Beim Abstieg rutschte ein Mann namens Douglas Hadow aus und riss drei weitere mit sich in die Tiefe, wo ein schneller Tod und langer Nachruhm auf sie wartete. Hadows Schuh ist heute im Matterhorn-Museum zu besichtigen. Eines muss man den Engländern lassen. Mut hatten sie. Der Schuh sieht nicht so aus, als sollte man damit vernünftigerweise etwas Steileres als eine Treppe in Angriff nehmen.

Die Erstbesteigung war symptomatisch dafür, wie es weiterging. Besonders makabre Verhältnisse herrschten am Matterhorn in den siebziger und den achtziger Jahren. Damals gab es schon mal 20 Tote in einem Sommer, an den vielleicht 40 Tagen, an denen der Berg überhaupt bestiegen werden kann. Seit dann ist es zwar besser geworden. Doch auch heute noch bleibt das «Horu», auch auf der einfachsten Route über den Hörnligrat, eine erstaunlich mörderische Tour.

Statistisch gesehen sollte jeder 200. vorher besser sein Testament aufsetzen. Eine Besteigung des Matterhorns ist so lebensgefährlich wie ein Jahr lang als amerikanischer Soldat im Irak zu dienen. Das Matterhorn ist nicht nur das berühmteste Stück Schweiz, es ist auch der Ort, wo in der Schweiz schon mehr Menschen einen gewaltsamen Tod gestorben sind als irgendwo sonst.

«Alles o. k.?»

Aber nicht ich! Mein Fuss kommt überraschenderweise nicht erst in meinem Grab, sondern bereits zehn Zentimeter weiter unten wieder zum Stehen. Wie sich herausstellt, auf einem Haken, den ich vorher übersehen hatte. Von oben kommt eine Stimme. «Alles o. k.?» «Alles o. k.», sage ich in der grösstmöglichen Ruhe, die ich im Moment aufzubringen imstande bin.

Eine Minute später stehe ich fünf Meter weiter oben neben Bettina, meiner Bergführerin. Am Horizont geht gerade die Sonne auf. Bettina schaut wie immer zuversichtlicher als ein Enzian. Vor die Wahl gestellt, mich einem Bergführer oder einer Bergführerin anzuvertrauen, brauchte ich keine Sekunde zu überlegen. Frauen haben mehr Nachsicht. Was ich erst nachher realisierte: Dafür blamiert man sich vor ihnen schneller.

In der Schweiz gibt es fast 1500 Bergführer. Bergführerinnen gibt es gerade einmal 25. Ihre Ausbildung ist gleich hart wie die der Männer. Sie müssen die gleich schweren Rucksäcke tragen, durch die gleich steilen Wände klettern und die gleich kalten Nächte im Biwak überstehen. Die Bergführer-Ausbildung dauert drei Jahre. Drei Viertel der Kandidaten geben vorher auf.

Doch Bettina ist leider nicht einfach nur Bergführerin. Sie ist auch noch die Präsidentin des Zermatter Bergführer-Vereins. Neben Grindelwald und Chamonix gibt es keinen prestigeträchtigeren Klub in den Alpen. Bergführer in Zermatt, das ist wie Skilehrer in Aspen oder Surf-Instruktor auf Hawaii. Das ist die globale Outdoor-Elite.

War schon klar, dass das Matterhorn wohl eine gröbere Übung werden würde. Das Wildeste, auf dem ich bisher war, ist das Allalinhorn. Aufs Allalinhorn kommt jeder 80-Jährige, der noch nicht an Krücken geht. Trotzdem: Noch so eine kolossale Peinlichkeit wie heute Morgen um halb vier möchte ich mir gerne ersparen. Zehn Minuten versuchte ich vergeblich, meinen nigelnagelneuen Klettergurt zu montieren. Die Führer warfen sich schon Blicke zu.

Mit Erleichterung nehme ich daher zur Kenntnis, dass Bettina meinen Ausrutscher offenbar nicht mitbekommen hat. «Jetzt haben wir die Hälfte», sagt sie. Ich versuche nach oben zu blicken, ohne sofort das Gleichgewicht zu verlieren. «Prima, weiter geht’s!», sage ich. Denken tu ich: «Wenn das so weitergeht, du meine Güte, dann wird das aber hammerhart.»

Aber es geht nicht so weiter. Es wird schlimmer. Eine Stunde weiter oben kommt zur Felswand auch noch Eis dazu, und man muss Steigeisen montieren. Ausserdem wird er so kalt, dass man mit Handschuhen klettern muss. Wir befinden uns jetzt anscheinend am unteren Rand der Stelle, die «Dach» genannt wird. Schnell zeigt sich: Klettern mit Steigeisen ist ähnlich gewöhnungsbedürftig wie Wandern mit Schlittschuhen. Immerhin: Man sieht jetzt nicht mehr so genau, wie weit man runterfallen kann.

Als Vorbereitung für eine Besteigung des Matterhorns wird empfohlen, sich möglichst früh in die Höhe zu begeben. Vor einem möglichst frühen Eintreffen in der Hörnlihütte ist aber aus meiner Erfahrung abzuraten. Die Terrasse vor der Hütte fungiert als so etwas wie die Tribüne alpiner Gladiatorenspiele. Dutzende von Feldstechern sind an einem schönen Tag hinauf in die Ostwand gerichtet. Und sagt jemand: «Schon etwas heruntergekommen?», ist in aller Regel nicht von Steinlawinen die Rede.

Ausserdem kommt man in der Hörnlihütte schwer an denjenigen vorbei, die an diesem Tag am Matterhorn schon gescheitert sind. Und die Gescheiterten sind nicht diejenigen, die die Gefahr kleinreden würden. Ein Amerikaner berichtet mit weit aufgerissenen Augen von überhängenden Felsen und bestellt zur Beruhigung noch einmal einen halben Liter Bier.

Für Gipfel-Aspiranten psychologisch wirklich ungünstig ist aber, Kurt Lauber über den Weg zu laufen. Er ist der Mann, der weiss, was alles schiefgehen kann, richtig schief. Lauber ist seit 14 Jahren Hüttenwart der Hörnlihütte und seit Ewigkeiten stellvertretender Rettungschef von Zermatt.

«Sonst: Wusch!»

Es ist nachmittags gegen fünf. Auf dem Herd dampft ein grosser Topf Tee. Lauber hat sich hinter dem Tisch in der Küche eingerichtet und erzählt mit der Gelassenheit eines Zenmeisters, auf welche Weise einem das Matterhorn vorzugsweise ins Jenseits befördert. «Das Horu trügt. Es sieht weniger gefährlich aus als andere Berge. Aber es ist dafür überall gefährlich. Bei jedem Tritt. Und das acht Stunden lang. Man muss den Kopf immer bei der Sache haben. Sonst: Wusch!» Lauber lässt seine Handfläche auf einer steil abfallenden Bahn durch die Luft sausen.

Tödlich ist am Matterhorn meist nicht der Mangel an Können, tödlich ist die Selbstüberschätzung. Die meisten realisieren die Gefahr zwar spät, aber nicht zu spät. Früher verbrachten regelmässig ein Dutzend Bergsteiger, die die Kraft verlassen hatte, eine kalte Nacht am Berg. Heute gibt es das Handy. Die Handyanrufe kommen nach fünf, wenn es den Leuten zu dämmern beginnt, dass sie es nicht mehr runterschaffen werden.

Doch alle holt die Air Zermatt auch heute nicht herunter. «Wir kommen nur im Notfall.» Um den Ernst der Lage zu prüfen, hilft meist ein kleiner Ausblick auf die zu erwartenden Kosten der Rettungsaktion. Lauber: «Zuerst jammern alle: Dann sagt man ihnen, dass das aber 5000 Franken kosten kann. Und dann sagen sie: »

Üblich sind am Matterhorn Zweierseilschaften. Weil es zu lange dauert, sich überall zu sichern, fällt, wer fällt, sehr oft zu zweit. Das ist auch der Grund, warum die Zahl der Toten am Matterhorn meist eine gerade ist. Diesen Sommer sind es bisher acht. Schreien tun die, die stürzen, selten. Die Überraschung ist im ersten Moment grösser als der Schreck. Und später ist es zum Schreien zu spät.

Wer nicht wie ein Spanier am Tag zuvor schon auf den ersten Metern runterfällt und mit mehrfach gebrochenem Arm im Inselspital in Bern landet, der stürzt üblicherweise in die Ostwand. Die Ostwand, das ist Fels und Eis. Sie ist ausser ganz oben nicht senkrecht, sondern um die 50 Grad. Es gab schon Leute, die die Ostwand mit Ski bezwungen haben. Doch wer stürzt, ist in der Regel nicht mehr zu retten.

Schon bei einem Gefälle von 50 Grad ist die Beschleunigung fast so gross wie im freien Fall. Ein menschlicher Körper beschleunigt in solchem Gelände in drei Sekunden von null auf hundert. Nach einer Sekunde legt er bereits zehn Meter pro Sekunde zurück. Nach fünf Sekunden rast er theoretisch mit über 200 Kilometern pro Stunde in die Tiefe.

In der Praxis ist die Geschwindigkeit hingegen weniger gross. Es gibt Felsen, die im Wege stehen. Wer durch die Ostwand stürzt, schlägt, bis er 1000 Meter weiter unten auf dem Gletscher angekommen ist, ein Dutzend Mal auf. Dabei wird den Unglücklichen nicht nur der Rucksack und der Helm abgerissen, sondern auch die Kleider. Alle. Sogar die Socken. «Ganz unten sind sie immer nackt», sagt Lauber.

In den allermeisten Fällen fehlen den Verunglückten nach einem Sturz aber nicht nur alle Kleider, sondern auch Gliedmassen, ein Bein, der Arm, der ganze Unterleib, manchmal auch der Kopf, manchmal alles zusammen. Lauber: «Ich habe schon Ärzte erlebt, die den Anblick nicht ertragen haben.» Aus Rücksicht auf das Rettungspersonal muss man denjenigen also fast schon danken, die nicht nur die Ostwand runterfallen, sondern auch noch gleich in eine Gletscherspalte, um darin auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Im Eis des Gletschers, über den auch eine Skipiste führt, liegen mittlerweile schätzungsweise vierzig tiefgefrorene Leichen.

Stirbt jemand am Matterhorn, gibt es ein Dutzend Leute, die ihm dabei zusehen. Meistens mehr. Die Ostwand ist nicht nur von der Sonnenterrasse der Hörnlihütte mit ihrer Volksmusik und den Videokameras ausgezeichnet einzusehen. Auch vom Hörnligrat sieht man gut die ganze Ostwand hinunter. Ein Sturz kann bis zu 15 Sekunden dauern. Die Kletterer, die einen Sturz mitverfolgt haben, muss der Helikopter der Air Zermatt nachher in aller Regel auch zusammensammeln. «Ist einer runtergekommen, bewegt sich normalerweise keiner mehr von der Stelle», sagt Lauber.

Auch für die Retter ist der Aufenthalt am Berg riskant. Am Fusse der Ostwand herrscht höchste Steinschlaggefahr. Auf die Hörnli-Route hat der Klimawandel, abgesehen von einem grösseren Felssturz im Hitzesommer 2003, bisher kaum Auswirkungen. Auf die Ost- und Nordwand hingegen schon. In der Nordwand gibt es deutlich weniger Eis, vor allem das Sichern ist schwieriger geworden. Und die Durchsteigung der Ostwand gilt wegen des vermehrten Steinschlags heute fast schon als Selbstmordkommando.

Was von einem Bergsteiger noch übrig ist, wird von den Rettern daher so schnell wie möglich an eine Winde gehängt und erst bei einem Zwischenstopp in den Leichensack verpackt. Nicht bei der Hütte, sondern auf dem Gletscher, möglichst ohne Zuschauer. Lauber: «Würden wir das hier bei der Hütte tun, ginge nachher garantiert niemand mehr rauf.» Unnötig zu erwähnen, dass die Nacht nach dem Gespräch mit Kurt Lauber eine eher schlaflose war.

Beim zweiten Fixseil trifft Kazu die erste Attacke. Kazu ist der japanische Tourist vor uns am Seil. «You come up now, or we go down now!», ruft der Bergführer zu ihm herunter. Kazu strampelt mit seinen Steigeisen so verzweifelt auf den Felsen herum, dass die Funken sprühen. Eisstücke prasseln auf uns herab. «Next time you train and not just fly in!», brüllt der Bergführer jetzt noch ein bisschen lauter, ein Wunsch, der womöglich berechtigt ist, aber Kazu im Moment auch nicht viel weiterhilft.

Eine Art Kampfsport

Sieht aus, als könnte das ein bisschen dauern. Sehr gut, in meinen Fingern macht sich längst wieder der Krampf bemerkbar. Bettina sagt: «Machen wir doch eine Pause.» Habe mich selten mit dem Vorschlag einer Frau so einverstanden erklären können.

Das Schlangestehen am Matterhorn ist ein so beliebter Topos wie der «Japaner in Turnschuhen». Beides hat mit der Realität wenig zu tun. Eine Art Kampfsport ist eine Matterhorn-Besteigung allenfalls am Anfang, morgens um halb vier, wenn 100 Leute gleichzeitig aus der Hütte stürmen, um als Erste in der Wand zu sein. Nachher hätte ich gerne mehr gewartet. Und was die Japaner betrifft, die sind heute besser ausgerüstet als alle. Und am Vorabend machen sie vor der Hütte Yoga. Die Stilvollsten sind übrigens – wenig überraschend – die Italiener. Die haben sogar Seile in Armani-Schwarz. Underdogs gibt es noch immer, aber es sind heute andere.

Ganz allgemein nennen Bergführer alle, die sich ohne Führer ans Matterhorn wagen, «Grampi». Der Ausdruck geht auf das französische «Crampon» zurück, stammt aus der Zeit, als die Bergführer noch auf Nagelschuhe setzten, während sich die Touristen von den geschäftstüchtigen Sportartikelverkäufern schon hatten Steigeisen aufschwatzen lassen. Als Grampi hat man am Matterhorn nicht viel zu melden. Man steht grundsätzlich im Verdacht, sich zu überschätzen, den Weg nicht zu wissen und den Nachsteigenden Steine auf den Kopf regnen zu lassen.

Doch so richtig schlecht ist der Ruf der «Östeler», der Polen, Slowenen, Tschechen. Zu allen Unzulänglichkeiten, die den Grampini nachgesagt werden, haben die Östeler nämlich noch den Fehler, keine Einsicht in gute Ratschläge und kein Geld zu haben, so dass sie zuerst nicht die Hütte und zum Schluss auch die – in ihrem Fall ja sehr wahrscheinliche – Rettungsaktion nicht bezahlen können.

Die Diskreditierung führerloser Touristen und finanzschwacher Bergfreunde aus Osteuropa mag auch ihre wirtschaftlichen Gründe haben. Es gibt 90 Bergführer alleine in Zermatt. Der Tarif fürs Matterhorn ist 920 Franken. Doch die Statistik gibt den Bergführern recht. Mit Führer ist die Lebenserwartung unvergleichlich höher. Es ist Jahre her, seit ein Bergführer am Matterhorn verunfallt ist. Sechs der acht tödlich Verunglückten von diesem Jahr sind anderseits Osteuropäer.

Mit Steigeisen ins Bein

Und dann, es ist kurz vor acht Uhr früh, geht es plötzlich nicht mehr weiter. Der Gipfel, 4478 Meter über Meer, der siebthöchste Punkt Europas. Was es dort oben gibt? Wenig Platz und eine Statue des heiligen Bernhard mit einem Blitzableiter auf dem Kopf. Und es gibt minus fünf Grad am heissesten Tag des Jahres und einen Wind, der einem Murmeltier das Fell abziehen könnte.

Und was sonst noch so passierte: 30 Minuten unter dem Gipfel und drei Stunden vor der Hütte geht mir schon das Wasser aus. Kazu rasselt seinem Bergführer mit den Steigeisen ins Bein, worauf der von Bettina verarztet werden muss. Ich trete mit den Steigeisen aufs schwarze Designer-Seil von zwei Italienern, was gar nicht gut ankommt. Kazu donnert beim Abseilen böse an die Wand. Ich rutsche an zwei blöden Stellen aus, womit ich meine Chancen bei Bettina, die Klettergurt-Blamage wiedergutzumachen, wohl definitiv vergessen kann. In der Ostwand kommen die ersten Gerölllawinen des Tages runter, was sich anhört wie eine Kegelpartie in der Hölle. Und die Hütte kommt und kommt nicht näher.

Doch dann sagt Kazu plötzlich: «I enjoy!» Und zu meiner eigenen Verwunderung muss ich sagen: Ich eigentlich auch. Leben mag ja manchmal quälend sein. Überleben aber ist super.

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1 Response to “Ernstfall am Matterhorn”


  1. 1 Uta Bosem September 25, 2008 um 8:52 nachmittags

    Man o Man…der Bericht jagt mir schon einige Schauer ein!War letzte Woche in Zermatt und auf dem Gletscher unterhalb des Matterhorns,als ne Stunde später ein Hubschrauber einen Verletzten und einen Toten wegtransportiert haben…und man als “Zuschauer”nicht wirklich nachvollziehen kann,was jemanden dazu treibt,sich dieser Gefahr auszusetzen.So hat man einen kleinen Einblick bekommen!Interessant!


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